Wieder heikler Fall von Begriffsverbrämung – Warum Kunstepochen reine Verschwörungstheorien sind

Daniel Thalheim

Kürzlich erschien ein Bändlein in einem Leipziger Verlag, der mit Stilbegriffen um sich wirft, die es nicht gibt. Restauratorin Constanze Arndt widmete sich Leipziger Treppenhäusern und will so auch gleichzeitig vier Kunstepochen ablesen. Das Ergebnis ist ein dickes Buch über kunsthandwerkliche Techniken, was an für sich über den herkömmlichen Standard hinaus geht. Doch inhaltlich können Fachleute ins Stocken geraten oder gar vom Stuhl fallen. Während in jedem anderen europäischen Land die kunstwissenschaftliche Forschung von der starren und willkürlichen Epochengliederung weg geht und sich den Werkstätten, Schulen und den für jede Zeit übliche Variationen des Stilbildes der römisch-griechischen Antike – was in sich schon nicht schlüssig ist, weil es DIE römisch-griechische Antike wegen ihrer regionalen und lokalen Ausprägungen so als Ganzes nicht gibt und nur ein Wunschdenken von Gelehrten in den abgeschiedenen Klöstern im Mittelalter ohne Leben entwickelt war und mit dem Fall von Byzanz in eine Renaissance der Antike mündete und von da an bis ins späte 19. Jahrhundert allenfalls mit modischen Abwandlungen und Verwerfungen lediglich zitiert wurde – zuwendet und so ein sensibleres Bild zeichnet, die Kunstgeschichte sich der geschichtswissenschaftlichen Bezeichnungen bzw. Abfolge Antike, Mittelalter, Frühmoderne und Moderne unterordnet, existiert in Leipzig immer noch eine Enklave, die versucht, Strömungen der Moderne voneinander abzugrenzen. So ist auch das Buch von Constanze Arndt über historische Ornamentschablonen zu lesen. So will die an der Hochschule für Grafik und Buchkunst ausgebildete Restauratorin in Hausaufgängen aufgrund der verwendeten Stilmitteln Dinge wie „Spätklassizismus, Jugendstil, Reformstil und Art Déco ablesen. Solche Begriffe sucht man in der zeitgenössischen Literatur vergebens. Sie wurden also im Nachhinein, v.a. im 20. Jahrhundert festgelegt. So legt sie fest, dass der sogen. Spätklassizismus von 1840 bis 1870 existierte, obwohl wir im deutschsprachigen Raum über Variationen des einflussreichen französischen Empire-Stils reden müssten, der eigentlich im Wohnungsbau in Grobem bis kurz vorm Ersten Weltkrieg anhielt. Um sich von dem damals allseits beherrschenden Repräsentationsstil des französischen König- und Kaisertums abzugrenzen – ja, Leipzigs Straßenzüge sind eigentlich französisch – entwickelten Architekten einen reformistischen Ansatz in der Gestaltung von Fassaden und des Interieurs. Dahingehend waren u.a. England und Schottland maßgeblich. In Europa entstanden in Folge der britischen Arts&Crafts-Bewegung unterschiedliche Ausprägungen. Die Wiener Werkstätte und der Deutsche Werkbund wären als zwei Bezeichnungen zu erwähnen, deren Künstler sich aber auch nicht dogmatisch an etwaige Vorbilder hielten, sondern eher daran interessiert waren, Design weiterzuentwickeln. Die Abwendung des antik beeinflussten Geräges im Design, Ornament und im Bauen selbst erfolgte schleichend. Immerhin waren damalige Künstler und Forscher auf die Zukunft fokussiert. Die klassische Malerei war im Abwind. Klassisches Bauen steckte irgendwann im Flaschenhals der „Wohnmaschine“ fest.

Noch schlimmer ist, was seit neulich in der Leipziger Internet Zeitung geschrieben steht. Man kann die Inhaltsübernahme aus dem Buch übersehen, wenn es heißt, Constanze Arndt habe in Leipzigs Bürgerhäusern sogar fünf verschiedene Kunstepochen nachgewiesen – vom Spätklassizismus (1840–1870) bis zum Art déco (etwa 1920 bis 1935). Noch schlimmer wird die Bemerkung mit folgendem Zitat: „Mit den Nationalsozialisten brach das ab. Was so ganz sanft den Gedanken weckt, dass diese uniformierten Kraftmeier auch Kunst und Kultur zutiefst verachteten. Stilvoll bauen konnten sie sowieso nicht.“

So ein Satz zeugt von Unkenntnis und Unvermögen, wirklich in die Tiefe zu recherchieren. Richtig ist, dass die Nazis im Wohnbau jene Reformarchitekten förderten bzw. bevorzugten, die nicht „so international“ bauten als wirklich gewollt. So entstand irgendwann ein genormter Einheitsbau mit Rückgriffen auf die „Epochengeschichte“. Die Entwicklung setzte allerdings bereits vor dem Ersten Weltkrieg mit den ungestümen Aufsätzen des nationalistischen Architekten Paul Schultze-Naumburg ein. Durch ihn wurde die überbordende Moderne gezügelt. Nicht nur in Mitteldeutschland war er erfolgreich. Dass den Nazis bspw. es schnurz war, dass u.a. die Leipziger Trauerfeierhalle von Wilhelm Haller eigentlich mit seiner Weihe 1927 als „deutsch“ bezeichnet wurde, greift den Aspekt von Reformarchitekten auf, sich in Reduktion und Expression neu zu erfinden. Die ehemalige Messehalle auf dem Alten Messegelände und Hort des riesigen Porta-Zentrums wurde als „nationalsozialistisch“ bezeichnet ohne auf die Hintergründe dieses Bauens zu blicken; der klobige Kubaturstil ähnelt so ziemlich allem was wir aus England aus der Zwischenkriegszeit kennen und bis in die Fünfzigerjahre verbaut wurde. Das gleiche gilt für den weitestgehend abgerissenen Stuttgarter Bahnhof. Wer aber ständig die nahezu nie verwirklichten Propagandabauwerke von Albert Speer vor Augen hat, dem wird der Blick verstellt, dass unter den Nazis mindestens genauso modern gebaut wurde wie in den Zwanzigerjahren. Dieser argumentative Einwand soll nicht dazu dienen, das Gewaltregime der Nazis zu rechtfertigen, sondern verdeutlicht dass die Nazis auch keine besseren Rezepte für billiges Bauen hatten als anderswo in Europa. „Nur keine Flachdächer“, hieß es damals. Mit diesem Diktat hatte man die „Moderne“ ausgetrickst. Dieses Prinzip wurde in der DDR umgekehrt. So etwas wie Heimat- und Denkmalpflege war nahezu nicht existent, vielmehr ins Abseits auf ein Abstellgleis gestellt.

Organisches Bauen ist so ein Stichwort der Zwanziger- und Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, das in den Quellen auftaucht. Expressionistisches Rokoko beschreibt ziemlich genau den durcheineinandergewürfelten Stilmix, den wir v.a. in Leipzig finden. Begriffe waren im Handwerk jedoch nicht wichtig, dienten die Ornamente und Designs eher als Vorlagen für den eigenen schöpferischen Willen. Wo wir schon beim Bauen in der damaligen Zeit sind; Normbauen wurde zwar nicht ad acta gelegt, aber neu definiert. Doch die Individualisierung des Bauens nahm eigene Formen und Tendenzen an, wo die Sprache aus Europa und den USA – Bauhaus, De Stjil, Organisches Bauen – auch in Tel Aviv umgesetzt wurden. Die White City ist keine Bauhausstadt nach Reißbrett, sondern eine individuell gestaltete Stadt im Sinne des Organischen Bauens.

Bei den Nazis empfand man die Moderne, wie sie v.a. zwischen den Kriegen entwickelt wurde, als hässlich und verstand das Bauen zwischen 1933 und 1939 als Rückkehr zum eigentlichen Handwerk und ihrem Erhalt. Damals manifestierte sich auch die Denkmalschutz im übrigen. Ihr wohnt immer noch ein deutschtümelnder Heimatschutz inne, die deutsche Identität im klassischen Verständnis von Bauen zu erhalten. Natürlich unter Erweiterung auf die Wohnbauten der DDR. Und keiner kann sich erinnern, dass ein selbsternannter Architekturexperte in Leipzig als Denkmalschützer sich je für die alten bürgerlichen Boulevardbauwerke und Armenviertel in der Messestadt eingesetzt hätte, auch nach 1990 nicht. Was an Handwerk verloren ging; Parkett, Dielungen, handgekachelten und emailierten Öfen, Fenster und Türen, Türgriffe, darüber können ebenfalls Bände geschrieben werden. Mit diesem Verlust gingen auch auch andere Vorteile verloren; wie man richtig Räume beheizt, wie man mit Wasser umgeht, wie man ohne Gas- und E-Herd richtig kocht. Die Selbstbestimmtheit des Wohnens ging ebenfalls verloren, die jährlichen Abrechnungen von Strom, Gas und Warmwasser verdeutlichen das genau.

Wenn in der Leipziger Internet Zeitung geschrieben steht, dass einem in Leipziger Treppenhäusern das kulturvolle Selbstverständnis eines Bürgertums, das quasi mit Goethe, Schinkel und Winckelmann eine eigene Kultur entwickelt haben will, und noch in der Antike seine Vorbilder sah (Klassizismus) und sich mit der scheinbar so eklektizistischen Gründerzeit auch zunehmend emanzipierte und am Ende tatsächlich eigene Kunststile hervorbrachte, liegt der Schreiber halbfalsch. Gerade die sogenannten eigenen Kunststile sind in den Handwerksmeistern und in ihren Betrieben zu suchen. Man hat Design und Ornamentik wild interpretiert und so einen Eklektizismus hervorgebracht, den sogar Sachsens erster Denkmalpfleger Cornelius Gurlitt sen. schon 1894 in einer von ihm selbst dokumentierten und veröffentlichten Fahrt zu Max Klinger als abscheulich empfand, um nicht zu sagen: stillos und abrisswürdig. Wir sehen das heute freilich anders. Gerade vorm Hintergrund des Verlusts an Handwerk und ihrer kreativen Kraft in der heutigen Zeit, scheinen die Menschen damals wirklich was beherrscht zu haben. Dass Handwerksmeister bis ca. 1990 auch an Kunsthochschulen geschult wurden fällt unterm Tisch.

Der größte Fauxpas gelingt der Leipziger Zeitung, den Jugendstil zwischen 1895 und 1910 einzuordnen. Für Deutschland mag die Zuordnung stimmen. Ihn als Teil der Sezessionsbewegungen zu sehen, die unter dem englischen Einfluss erst entstand, wäre der denkerische Glücksgriff gewesen. Ein weiterer wäre, diesen Stil in einen internationalen Maßstab zu stellen. Eine Abfolge wie Jugendstil, Reformstil und Art Déco gibt es ebensowenig wie die Behauptung, dass Kunst vorm frühen 20. Jahrhundert fast ausschließlich zwischen Kunstkritikern und Künstlern stattfand. Der Repräsentationsanspruch hatte sich seit der Französischen Revolution auch in Deutschland ins Bürgerliche verlagert. Man versuchte als Kaufmann und Immobilienhai genauso so zu prunken und zu protzen wie die Adeligen in den vorigen Jahrhunderten auch. Außerdem wird vergessen, dass Handwerker den Pomp und Prunk für die Herrschenden schufen, die Designer eigens zur Zurschaustellung weltlicher und geistlicher Macht entwarfen.

So gesehen ist es ein müßiges Spiel, gerade die Klassische Moderne mit verschlafenen und verträumten Begriffen zu ersäufen. Wissenschaftlich ist es nicht, und auch nicht redlich. Begriffe wie „Art Déco“ verbrämen im Prinzip die Geistes- und Handwerksleistungen dieser Zeit. Wir können von der Moderne vielmehr behaupten, dass die Abkehr vom klassischen Gestaltungsbild auch eine Abkehr der kunsthandwerklich gestalterischen Kraft einzelner Handwerkstätten zugunsten einer genormten und industriell vorgegebenen Gestaltung einsetzte, und auch ein Vergessen. Vor diesem Hintergrund hätte ein Treppenhausbuch wirklich Sinn gemacht. Man hätte für das Handwerk und das Interieurdesign entscheidende Impulse wider die sich selbst perpetuierende Moderne setzen können, aber so… so bleibt nur ein Blick in die Lupe einer zerfallenen Zeit. Stilbegriffe helfen uns nicht weiter, gerade zu den Entwicklungen im gestalterisch arbeitenden Handwerk und ihre Reibung mit der Industrialisierung weiter zu forschen. Sie kloppen nur unzähligen Lesern Stoff in die Köpfe, der altklug und besserwisserisch irgendwo wieder unter Zitierung solcher Bücher wie „Historische Ornamentschablonen aus Leipziger Wohngebäuden“ ausposaunt wird. Schade.

Im Geiste von Auguste Rodin – Was im Klingerjahr 2020 auf die Leipziger zukommt

Von Daniel Thalheim

Ein Rechtsstreit öffnet den Blick für die Leipziger Kunst vor 1945

Ein Rechtsstreit um zwei Skulpturen aus der Zeit des deutschen Sezessionimus sorgte seit 2015 für Öffentlichkeit. Der Vorgang öffnet aber wieder den Blick auf ein Leipziger Kunsttreiben, das vor dem Ersten Weltkrieg stattfand. Der Sohn des früheren Direktors des Leipziger Zoologischen Gartens, Johannes Gebbing, wollte sie per Klage aus dem Besitz der Stadt Leipzig entreißen. Nun bleiben „Jason und die Stiere des Aietes“ von Walter Lenck sowie der „Athlet“  von Max Klinger im Besitz der Stadt und an ihren Standorten im Leipziger Zoo. Denn der Kläger hat seine Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision vor dem Bundesgerichtshof zurückgenommen. Mit diesem Rückzug ist das zweitinstanzliche Urteil des Oberlandesgerichts Dresden vom 26. Oktober 2018 und das erstinstanzliche Urteil des Landgerichts Leipzig vom 18. Mai 2018, nach denen die Stadt Leipzig als Beklagte gegen die Herausgabeklage bereits obsiegt hatte, rechtskräftig. Der Weg ist so auch frei für eine Leistungsschau über einen Künstler und sein Umfeld geworden. 2020 jährt sich der Tod des Allrounders Max Klinger zum hundertsten Mal. Er verband, wie andere Sezessionisten in Europa um 1900, Architektur, Malerei und Grafik zu einem Gesamtkunstwerk. Das Museum der bildenden Künste geht anlässlich seines Todes in die Tiefen seines Gesamtschaffens und hebt einige Schätze, die ein umfassendes Bild des Leipziger Netzwerkers und Förderers zeichnen sollen als bisher getan. Was können Leipziger 2020 im MdbK erwarten?

Klingers Athlet – Sinnbild für künstlerische Ausgewogenheit

Zurück zum Zoo. Beide Kunstwerke, um die sich in der letzten Zeit Anwälte und Gerichte kümmerten, sind nicht nur denkmalgeschützt und wegen ihrer Präsenz allein wertvoll. Die Bronzen sind auch kunsthistorisch sehr interessant. Sie stehen wegen ihres Einfrierens von Kraft, Bewegung und Ausdruck ganz dem Geist des französischen Bildhauers Auguste Rodin nahe. Er gilt als ein Bildhauer, der „impressionistisch“ arbeitete, Skulpturen auch mal unvollendet ließ. 

Klingers "Athlet" existiert in zwei Versionen. Die des knieenden Athleten ist die zweite Fassung. (Foto: Screenshot by Artefakte 2019)
Klingers „Athlet“ existiert in zwei Versionen. Die des knieenden Athleten ist die zweite Fassung. (Foto: Screenshot by Artefakte 2019)

Das Unfertige und Unvollendete erhob Auguste Rodin zum künstlerischen Prinzip und findet v.a. in der Skulptur Max Klingers seine Entsprechung. Klingers, vielleicht entstandenes 1901 und 1932 durch den Zoo Leipzig erworbenes, Werk – eine Bronze-Studie eines Athleten – gilt in der Kunstwissenschaft als Fixierung einer Skizze. Noch viel stärker trifft dieses Urteil auf sein Erstlingswerk zu, das heute im Besitz des Museums der bildenden Künste ist und einen stehenden Athleten zeigt, der beide Hände im Nacken ineinanderfaltet und so eine „Bodybuilder-Pose“ einnimmt.

In der 2007 erschienenen Schrift „Max Klinger: auf der Suche nach dem neuen Menschen“ wird die These aufgestellt, Klingers Athletenbüsten um 1900 seien Darstellungen von Kraft und Schönheit. Bekannt ist, dass der Künstler mit athletischen Modellen arbeitete und sie auch die Kunstwerke begutachten ließ. In einem 1919 erschienenen Buch von Willy Pastor wird sogar davon gesprochen, Klinger habe lediglich ausgefeilte Erfahrungen als Bildner weiblicher Akte besessen, nicht des männlichen Körpers. So wären demzufolge alle seine Athletenskulpturen „Beispiele unvollendeten Könnens“. 

Die sich im MdbK befindende Zweitfassung des stehenden „Athleten“ ist ein Teil einer Figurengruppe mit einer dazu gestellten Frau, die bereits 1899 von Klinger konzipiert wurde und zum Mittelpunkt einen Zirkusdarsteller hat. Sie wurde 1901 fertiggestellt u.a. auch auf der Großen Sezessionsausstellung 1902 in Wien u.a. zusammen mit dem Beethoven und einer Mädchenbüste gezeigt.

Klinger – der Zweifler

Besaß Klinger eine unterschwellige Homophobie? Oder nahm Klinger lediglich einen um 1900 aufkommenden Trend der Bodybuilder-Wettbewerbe auf, wie es der englische Bildhauer Charles Lewes seinerzeit getan hatte? Die Literatur strotzt nur von Verweisen auf den Bodybuilder-Trend und der Reformidee des Nacktseins in der Natur. Somit löste sich der zart nach Frühling und Sommer duftende Geist des Impressionismus in einer Testosteron geschwängerten Wolke aus Angst vorm Männerkörper, bzw. Unbehagen ihn darzustellen in Mischung mit einer Mode, den von Muskelschwellungen gestählten Männerkörper stärker in den Fokus des Interesses zu rücken. In vielen Kunstwerken des Art Nouveau sehen wir karikaturenhaft geschnittene Muskelberge mit breitem Kinn und scharf gezogenen Gesichtszügen – als würden die dargestellten Männer in Angriff übergehen. Klinger arbeitete verhaltener, überspitzte nur selten und ließ in Leipzig ein wenig den hormongestählten Druck aus seinen Plastiken ab, zeigte in seinen Skulpturen auch die körperliche – und vielleicht auch geistige – Schwäche, die in dem ganzen Image des Körperkultes zugrunde liegt. So gesehen, wäre Klinger ein typischer Vertreter der Klassischen Moderne, der seine Zweifel und Unsicherheiten in seinem Werk zum Ausdruck brachte.

Klingers Grabstätte schmückt noch heute die lebensgroße Bronzeplastik eines knienden Athleten – ein Pendant des Standbildes im Leipziger Zoo. Für die Figur soll nach Angaben des MdbK der Berufsathlet Lionel Strongfort Modell gestanden haben, der zu jener Zeit als „moderner Herkules“ mit kraftakrobatischen Vorführungen weltweit in Varietés auftrat. Um den Jahreswechsel 1900/01 hatte er auch im Leipziger Krystallpalast Station gemacht, einer der größten Vergnügungsstätten in Deutschland.

Die Bronzefigur dieses knienden Athleten und weitere Athletendarstellungen ließen Klinger in eine neue Schaffensphase treten, in der er sich als Bildhauer, wie Auguste Rodin vor ihm auch, intensiv mit der lebensgroßen Aktfigur auseinandersetzte. Ein zentraler kulturhistorischer Aspekt der Lebensreformbewegung um 1900 war die Herausbildung eines neuen Verhältnisses zum Körper, das sich einschneidend auf künstlerisch-ästhetische Fragen auswirkte und diese mit der griechisch-antiken Mythologie verknüpfte.

Lenck, Stuck und Kolbe: Lauter Athletenleiber – Kraft durch Muskeln?

Wie Walter Lenck gehört Klinger aber auch zu den Künstlern, die die griechische Antike und Mythologie zur Geltung bringen wollten. Lenck, im Gegensatz zum Leipziger Symbolisten, übertrieb seine Ausdruckskraft so sehr, dass sich 1928 der Leipziger Grafiker Max Schwimmer zur Aussage hinreißen ließ, bei der Jason-Gruppe, eine 1927 für 20.000 RM erworbene und 1928 erfolgte Schenkung des Leipziger Händlers Otto Schultz an den Leipziger Zoo, handele es sich um monumentalen Kitsch. Ein Blick in die Dresdner Kunstausstellung 1903/04 und in die Berliner Künstlerbund-Ausstellung 1905 reicht aber schon, woher die intensive Beschäftigung mit dem menschlichen Körper unter den Nazis kam und die Überhöhung des Körpers zwischen 1933 und 1945 so populär war. Vor dem Ersten Weltkrieg war der Männerakt Sinnbild für Kraft und Leben geworden. Künstler wie Franz Metzner, Bruno Heroux, Georg Kolbe, Carlo Fontana, C.A. Niehaus, Franz Stuck und Sascha Schneider stellten das Maskuline in den Mittelpunkt ihres Schaffens, oftmals mit einem Auge in die Zukunft gerichtet. Vieles von dem, was diese Künstler vor dem Ersten Weltkrieg schufen, kam unter den Nazis zu einer neuen Blüte.

Was vom Klingerjahr 2020 im MdbK zu erwarten ist

Klingers plastisches Werk gilt, bis auf wenige Gesamtdarstellungen, in der Fachwelt als nahezu unerschlossen. Einige Werke sind über 20 Jahre alt, andere haben über zehn Jahre auf dem Buckel. Innerhalb dieses Zeitraums sind die Erkenntnisse über sein bildnerisches Schaffen mit Sicherheit gewachsen, wie künftig die große Klingerausstellung im MdbK zeigen wird. Doch nicht nur die Form war für den Künstler interessant. Zum plastischen Werk gehört auch Klingers Experimentieren mit der Farbplastik als Aufgreifen und Weiterentwickeln der griechische Antike. 

Ändern wird sich der Blick auf ihn und sein Gesamtkunstwerk mit der kommenden Ausstellung im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Besucher der Klinger-Ausstellung dürfen erwarten, dass der alte Klinger-Saal der ehemaligen Apsis am Vorgängerbau am Augustusplatz vielleicht in digitaler Form rekonstruiert wird und so ein erfahrbarer Ruf aus der Vergangenheit des MdbK ist, als das Museum an der Stelle des heutigen Gewandhauses noch mit Gaslampen beleuchtet wurde, die verzinkten Dächer die Räume im Sommer stark aufheizten und im Winter stark abkühlten. An den 1902 begonnenen Planungen der grün-blau gehaltenen Klinger-Apsis wirkte der Maestro selbst mit und begutachtete die ersten Änderungen und Renovierungsarbeiten kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs bis zu seinem Tod. 

Eine Erweiterung der Apsis für die alleinige Aufnahme der Klinger-Werke war schon bei der Errichtung derselben spruchreif, wurde aber erst 1940/41 ernsthaft betrieben und wegen Kriegsunwichtigkeit eingestellt. Ein 1943 erfolgter Bombenangriff leitete den heißen Abriss des längst baufälligen Museumshauses ein. 

Inwieweit eine Rekonstruktion seines Ateliers sowohl im Vorgängerbauwerks des heutigen Westwerk als auch neben seiner ehemaligen Villa möglich ist, dürfte als Überraschung ebenfalls im Raum stehen. Mit Sicherheit bilden Klingers künstlerische Netzwerke in Leipzig, Berlin und Wien ebenso eine wichtige Rolle wie die Einordnung seines Schaffens in die Sezessionskunst um 1900 in Europa. Klinger als Wandmaler wird ebenso im Mittelpunkt stehen wie die Erschließung seines Werkes im Zug der aufkommenden Bodybuilder-Bewegung. Auch seine künstlerische Vorstellung von der Frau wird in der kommenden Jubiläumsausstellung „Klinger 2020“ behandelt. In welcher Form Klinger sich mit Musik beschäftigte, ihn mit Gustav Klimt und, die über ihre Schülerin Elisabeth Voigt als eine Initiatorin der Leipziger Schule agierende, Käthe Kollwitz nahe stehen ließ und wie ein von ihm bemaltes Treppenhaus im damaligen MdbK ausgesehen hätte, werden 2020 am MdbK ebenso zu behandelnde Stoffe sein. Auguste Rodin wird ebenso aus der Ferne dabei sein. Dass Max Klinger immer noch Bestandteil des künstlerischen Lebens ist, zeigt v.a. der symbolistische Duktus vieler künstlerischer Positionen in dieser Stadt.

Leipzig um 1900 – Warum das Schiller-Denkmal zu neuem Leben erweckt wird

Derzeit wird in Leipzig ein Denkmal restauriert, das womöglich zur späten Blüte des Leipziger Sezessionsstils gehört. Was es dabei auf sich hat, wer der Bildhauer Johannes Hartmann war und wie das Schiller-Denkmal einzuordnen ist, versucht folgender Beitrag ein wenig zu beleuchten.

Von Daniel Thalheim

Die Stadtverwaltung von Leipzig weiß, was dem Schiller-Denkmal im vergangenen Jahr angetan wurde. Die 1914 von August Schmiemann nach Entwürfen von Johannes Hartmann geschaffene Skulptur aus Laaser Marmor wurde Opfer von Vandalismus. Schiller stand nun da, verschmiert und ohne Nase. Dank der Bereitstellung von Fördermitteln der Landesdirektion Sachsen, eingegangener Spenden und Mitteln der Stadt Leipzig kann das Jugendstil-Meisterwerk seit Anfang Juli 2018 restauriert werden. Die Gesamtkosten der Maßnahme betragen nach Auskunft des Leipziger Kulturamts rund 12.000 Euro. Die Maßnahme soll schon im Oktober desselben Jahres beendet sein.

Ergebnis einer bürgerlichen Stiftung – Das Schiller-Denkmal in Leipzig

1905 war das 100. Todesjahr des zweiten großen Dichterfürsten neben Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Friedrich Schiller (1759-1805) gilt als der zweite Hauptvertreter der Literatur des Sturm und Drang und der Weimarer Klassik. Anlässlich dieses Ereignisses wurden auch in Dresden und Leipzig Schiller-Denkmäler in Auftrag gegeben und errichtet. Zwar wurden bereits vor dem Ereignisjahr schon Schiller-Denkmäler, mal Solo und mal mit Goethe, auf den Sockel gehoben. Zum Einhundertsten scheint so eine skulpturale Huldigung doch schon etwas besonderes zu sein.

Das Schillerdenkmal in Leipzig, historische Postkartenaufnahme (Copyright frei)
Das Schillerdenkmal in Leipzig, historische Postkartenaufnahme (Copyright frei)

In Dresden befand sich schon zu diesem Zeitpunkt ein Denkmal aus zwei sitzenden Figuren von Ernst Friedrich August Rietschel (1804-1861). Doch der Wunsch, in Dresden-Neustadt ein Solo-Denkmal für Schiller zu errichten, war 1905 groß. Hat der Dichter aufgrund des Mäzenats des Schriftstellers und Herausgebers Christian Gottfried Körner (1756-1831) eine sorglose und glückliche Zeit in direkter Nachbarschaft, in Dresden-Loschwitz, verlebt. Ein Schillerhäuschen zeugt noch von seinem Aufenthalt von 1785 bis 1787.
Auch in Leipzig hielt Friedrich Schiller sich 1785 auf. Im Vorort und heutigen Stadtteil Gohlis schrieb er das Gedicht „An die Freude“, das der Komponist Ludwig van Beethoven (1770-1827) für seine 9. Sinfonie verwendete und so zur weltweiten Berühmtheit wurde. Der klassizistische Bildhauer Johann Friedrich Dannecker (1758-1841) schuf zwischen 1793 und 1805 mehrere Schiller-Büsten. Seine Arbeiten und die Totenmaske des Dichters dürften die Hauptquellen für die Skulpteure der Jahrhundertwendezeit gewesen sein, auch für die in Leipzig. In Jena steht eine Bronzekopie von einer seiner Arbeiten.
Nach der Ausschreibung des Denkmals 1905 gründete der Leipziger Germanist und Literaturforscher sowie Vorsitzender des Leipziger Schillervereins Georg Witkowski (1863-1939) 1906 einen Denkmalsausschuss. Für das Leipziger Denkmal stand ein Stiftungsgeld von 20.000 RMk (heute rd. 271.000 EUR) bereit. Ein, mit einer Ausstellung begleiteter, Wettbewerb, dem der Leipziger Sezessionskünstler Max Klinger vorstand, wurde 1912 durchgeführt. 33 Einreichungen gelangten in die Hände der Jury. Das Modell des Leipziger Bildhauers Johannes Hartmann (1869-1952) wurde aus den anderen Entwürfen prämiert. Ausgeführt wurde die Skulptur allerdings vom in Leipzig lebenden Münsteraner Bildhauer August Schmiemann jnr. (vermutl. 1846-1927). Bis zum 9. Mai 1914 konnte das Denkmal fertiggestellt und im Leipziger Lenné-Park aufgestellt werden. Georg Witkowski hielt die Weihe-Rede. Das Denkmal selbst sorgte aber wegen der nackten allegorischen Figuren für eine Kontroverse, die jedoch im Ersten Weltkrieg unterging. Die Skulptur wurde, wie das zeitgleich in Dresden entstandene Werk, aus Laaser Marmor geschaffen. Die Konkurrenz zu Johannes Hartmann bildete das Who-Is-Who der Leipziger Bildhauer.

Von der Idee des Schillerhains im Lenné-Park und warum Leipzig vor hundert Jahren am Puls der Kunst war

Unter den 33 Einreichungen befanden sich viele Ideen, die scheinbar den Gedanken eines Andachthains für den Dichterfürsten aufgegriffen hatten. Wir wissen, dass neben dem prämierten Entwurf noch vier zweite Preise verteilt wurden. Programmvorschriften und Ideenkonkurrenz soll es nicht gegeben haben. So erblickten die Leipziger während der Wettbewerbsausstellung 1912 auf eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie der Abschnitt, wo das heutige Schiller-Denkmal steht, zu gestalten sei. Der konventionelle Typus des Schillerstandbilds auf einem Sockel als Ganzfigur trat dabei zurück.
Stattdessen blickten die Leipziger auf entworfene Schiller-Anlagen aus Brunnen, Tempeln und Säulen. Offenbar versuchten die untereinander konkurrierenden Künstler eine Art Gedenkstätte zu schaffen, wo der Betrachter gern verweilen will. Dass dies wohl dem späteren Klinger-Nachlassverwalter Johannes Hartmann gelungen ist, scheint auch an seinen Fürsprecher Max Klinger gelegen haben. Hartmann entwickelte ebenfalls das von Max Klinger entworfene und anfangs geschaffene Postament des Richard-Wagner-Denkmals weiter, das der 2013 verwirklichten Skulptur von Stephan Balkenhol als Basis dient. Schon damals war das Wagner-Denkmal als Kolossalskulptur in den Parkanlagen zwischen dem Neubau des „Alten Theaters“ und der Matthäi-Kirche auf einem Stufenaufbau geplant – so ist es auch heute. Auch dass das Leipziger Kulturamt für die Restaurierung des Schiller-Denkmals für private Gelder wirbt, zeugt noch vom Geist der bürgerlichen Idee, die Messestadt aktiv zu gestalten.
Dass das seit über 100 Jahren bestehende Schiller-Denkmal im Lenné-Park die Umgebungsnatur der Parkanlage für einen Schillerhain geschaffen hat dürfte das Ansinnen von Max Klinger und Johannes Hartmann gewesen sein. Nicht nur damals war der Ort ein Magnet für Leipziger und auch für Touristen. Heute gilt die Arbeit von Johannes Hartmann und August Schmiemann als wichtiges Werk der Leipziger Sezession, die in Bezug auf Innenraumgestaltungen und Bauplastiken noch starke Bezüge zum französischen Art Nouveau aufweist, aber auch – wenn es um das von Johannes Hartmann entworfene Möbeldesign dieser Zeit geht – Entwicklungen der englisch-schottischen Arts & Crafts-Bewegung im Sinne der Werkbundbewegung aufgreift und eine für Leipzig typische Ausprägung in die Moderne weiterführt. Leipzigs Künstler legten ihre Finger an den Puls der damaligen Zeit. Internationale Kunst der Klassischen Moderne war bei den Leipziger Jahresausstellungen vertreten. An der damaligen Kunstakademie kursierten japanische Farbholzschnitte und dürften so auch grafisch und malerisch einen großen Eindruck hinterlassen haben. Die Medailleurs- und Skulpteurskunst stand hoch im Kurs, die grafischen Disziplinen und die ex-libris-Kunst erlebten ihre Blüte. Doch seltsamerweise scheint die Kunst bis auf wenige Ausnahmen dieser Zeit aber auch bis 1945 in einer konservativen Starre verharrt gewesen zu sein.